Eine wunderbare Erfindung der Natur, ohne die unser aufrechter Gang nicht möglich und unsere Entwicklung zum aufrechten Menschengang nicht vonstatten gegangen wäre. So viel weiß ein jeder aus dem Biologieunterricht.
Wenn die Bandscheibe sich aber wölbt, durch die Auswölbung einen Nerv drückt und einem die Beine wie von Geisterhand kraftlos weggezogen werden, dann liegt der Mensch recht jämmerlich am Boden.
Ein Bandscheibenvorfall verursacht Schmerzen, die der Bergschreiber nicht einmal den ärgsten Bergfrevlern wünscht. Warum sich der Discus invertebralis so peinigend bemerkbar macht, was an falscher Körper- und Geisteshaltung zum Prolaps geführt hatte, darüber nachzudenken war jetzt auf einer Wärmflasche regungslos liegend mehr als reichlich Zeit. Jede Krankheit als Zeichen, Möglichkeit und Chance zu verstehen, das wurde mir wieder einmal vom Körper in eindeutiger Weise verdeutlichlicht. Nichts geschieht nur einfach so "zufällig". Eine Ursache ist immer vorhanden.
Ein Bergfreund hatte mir bei einem Krankenbesuch als willkommene Ablenkungs-Lektüre ein paar Ausgaben aus dem Fundus seiner Bergzeitschriften mitgebracht.
Die medizinischen und psychologischen Buchratgeber machten also ein paar Stunden lang schönen Bildern und Artikeln über das Bergsteigen in den Alpen und weltweit Platz.
Ein Bericht über die seltenen Arven im Gebiet der Aifner Spitze weckt mein Interesse. Eines der nächsten Tourenziele steht somit fest.
Bewegung macht den Kopf frei und bringt der Wirbelsäule ihre Elastizität zurück. Nach dem bandscheibenbedingten Liege-Marathon wird es höchste Zeit für eine Wanderung. Auf zu den Arven in den Ötztaler Alpen!
Wenn nur das Sitzen im Auto von unserem Haus in Füssen über den Fernpass bis zur Pillerhöhe in Tirol nicht wäre! Nach einer guten Stunde Fahrt sind wir aber doch rasch am "Gachen Blick". Hier auf über 1.500 m Höhe bietet sich ein wunderbarer Blick über das obere Inntal bis in die Schweizer Berge. Der Inn unter uns fließt fast 1.000 Höhenmeter tiefer in seinem Bett.
Wir folgen der Straße Richtung Kauns noch einen guten Kilometer. An der Abzweigung eines Fahrwegs lassen wir das Auto stehen und schnüren die Bergschuhe. Ein schöner Septembertag liegt vor uns.
Ein bequemer Karrenweg, der sich zwischenzeitlich zum Pfad verengt, führt uns durch mit Fichten bestandenen Hochwald Richtung Aifner Alm. Von Arven ist noch nichts zu sehen.
Auf dem schönen Almgelände stehen sie dann, die ersten Arven. Unser Bergkamerad "Gigi" hat nur für das klare Wasser des Bergbachs Augen, die seltenen Bäume interessieren ihn wenig.
Die Bezeichnung Arve stammt ursprünglich aus dem Schweizer Sprachgebrauch. In Tirol und Bayern wird diese Kiefernart auch Zirbe, Zirbel oder Zirm genannt. Die Zirbelkiefer kann für das Hochgebirge mächtige 30 Meter hoch werden, erreicht ein stattliches Alter bis zu 1.000 Jahren und besiedelt Gebirgsregionen ab 1.300 bis 3.000 Meter Höhe.
Uns faszinieren die rotbraune, grob aufgerissene Rinde dieser schönen Bäume und die langen, biegsam-weichen Nadeln. Meine Berggefährtin ist ganz begeistert von dem natürlichen "Parfum", einem ganz intensiven Duft, den das Holz, die Nadeln und die harzigen, fast schwarzen Zirbelzapfen verströmen. Ursache dieses Duftes sind ätherische Öle. Ein Holzvertäferung aus Zirbelholz beispielsweise verströmt noch nach langen Jahren ihren Duft.
Durch den Hochwaldgürtel der licht stehenden Arven geht unser Weg weiter Richtung Aifner Spitze, auch wenn sich am Himmel bereits hohe Wolken türmen. Ein dicker Wolkenbausch wirft seinen dunklen Schatten direkt über uns, vom Venetberg grüßen grüne Wiesen herüber.
Beeindruckend das Farbenspiel der Steppenvegetation und des Gesteins. Das Urgestein Gneis ist hier im Kaunergrat der vorherrschende Landschaftsbildner.
Kurz unterhalb der Aifner Spitze kommt uns der Senior-Wirt eines Gasthauses in Fließ entgegen. Eine nette, kurze Unterhaltung entspinnt sich.
Jo, wo kemmts es her? Aus'm Allgäu. Vo draußen? Do miaßt's no ei'kehren bei ins in Fließ, m'Sunnabalkon iber'm Inntal. Machma. Guat, pfiat enk!
Er steigt mit seinen Gästen, die er heute zum Gipfel geführt hat, ab Richtung Alm. Wir warten bei einer Rast ab, was das Gewölk am Gipfelgrat macht und entscheiden uns auch für den Abstieg. Den 3-Meeres-Blick (Wolkenmeer, Nebelmeer, ich-seh-gar-nix-mehr) hatten wir schon oft genug im Nebel.
Jeden Schritt genießend wandern wir durch die Arven Richtung Tal. Meine Frau hat zwei schwarz-schimmernde Zirbelzapfen mitgenommen. Unser Wohnzimmer hat lang nach ihnen geduftet.
Steckbrief
Gebirgsgruppe: Ötztaler Alpen, Kaunergrat
Gipfel: Aifner Spitze, 2.558 m
Alm, Jausenstation, Berghütte: Aifner Alm, 1.980 m, bewirtschaftet Mitte Juni bis Ende September
Ausgangsort: Pillerhöhe, 1559 m, Fahrstraße ca. 1,5 km Richtung Kauns
Da im Netz von vielen Webmastern - absichtlich oder unabsichtlich? - gestohlen und geklaut wird, daß dem Bergschreiber ganz schwindlig wird, muß leider dieser ausdrückliche Hinweis sein: Alle Texte und Fotografien des Bergschreibers unterliegen dem Copyright.
Anfragen zur Veröffentlichung unter der Quellenangabe www.bergschreiber.com nehme ich gerne entgegen.